Überleben in Paraguay
Die Neueinwanderer, die sich aus Europa kommend in Paraguay nieder lassen, um fortan ein Leben in Ruhe und Wohlstand zu genießen, fragen sich hin und wieder, wie die Menschen der breiten Bevölkerungsschicht des Landes leben, und womit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Selbstverständlich lebt es sich auf dem Lande anders als in der Stadt. Aber gerade dort, wo die Menschen sich Lohn und Brot erhoffen, wo glitzernder Luxus lockt und die Konsumgesellschaft Wohlhabenheit demonstriert, ist der tägliche Überlebenskampf des großen Heeres der armen Bevölkerung am schwersten.
Aber wie ist es wirklich, das tägliche Leben unter primitiven Umständen inmitten lockender Konsumgüter? Víctor Manuel Pereira Areco ist 27 Jahre alt und ein typischer Vertreter seiner sozialen Schicht. Geboren in Asuncion, beendete er mit 16 Jahren die Schule in der sechsten Klasse. Im Anschluß daran leistete er seinen Wehrdienst von 10 Monaten.
Ab diesem Zeitpunkt, seit seinem siebzehnten Lebensjahr, beschäftig er sich fast ausschließlich mit der Wiederverwertung von Plastik. “Ich arbeite auf der Straße und auf den Müllplätzen. Seit ich das Militär verließ, ist meine Arbeit der Müll und die Wiederverwertung, abgesehen von wenigen Unterbrechungen”, erzählt er.
Heute ist er verheiratet und lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in María Auxiliadora/San Miguel, am Fuß des Berges von Lambaré, einem Armenviertel. Seine Arbeitszeit beginnt um 7 Uhr und endet um 17 Uhr. Er arbeitet auf der Müllverwertung von Máximo Casco, der mit Plastikartikeln, Papier und manchmal auch Blechdosen, handelt.
Víctor verdient täglich 25.000 Guaranies (5 Dollar). “Dies ist mein Lohn und die Kinder verdienen noch einmal dieselbe Summe für dieselbe Arbeit. Es reicht gerade zum essen. Die Kinder machen genau dasselbe, was auch ich mache. Sie trennen den Müll. Einige Plastikartikel sind wertvoller als andere”, erklärt er.
Die meisten Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder bettelnd durch die Straßen streunen und ziehen es vor, sie den gefährlichen Dämpfen der Müllhalden auszusetzen.
Großer Traum, die eigene Nähmaschine
Selbstverständlich träumt Víctor von der Möglichkeit, sich und seine Familie durch eine andere Art von Arbeit ernähren zu können. “Ich mache sehr gern Stickarbeiten, und habe auch bereits mein Können unter Beweis gestellt, eigentlich ist diese Art von Arbeit mein Beruf. Die Stickereien, die ich im Stadtviertel Roberto L. Petit mit einer industriellen Nähmaschine machen durfte, waren wunderschön. Die Chefs der Firma waren Bolivianer und das Unternehmen illegal. Deshalb hielt diese Arbeitsstelle nicht lange. Ich beherrsche diese Arbeit an der Maschine und könnte es jederzeit an einem anderen Ort wiederholen”, sagt er mit Überzeugung in der Stimme.
Victor hat noch andere Fähigkeiten. “Ich kann auch Backwaren herstellen. Das habe ich hier im Viertel bei Freunden gelernt. Hier gibt es sehr viele Bäcker. Sie machen die besten Berliner mit jeder Art von Füllung. Früher sind wir dann gemeinsam los gezogen und haben die Berliner auf der Straße verkauft. Das könnte ich ebenfalls machen. Leider fehlt mir derzeit das Anfangskapital für einen Geschäftsbeginn. Aus diesem Grunde arbeite ich weiterhin im Müll”.
Ganze Familien leben in Paraguay vom Müll. Selbst die Kleinsten lernen, kaum dass sie laufen können, den Wert einer Konservendose zu schätzen. Müll ist in den Städten stets reichlich vorhanden. Wenn nichts mehr läuft, wenn keine andere Arbeit Lohn verspricht, obwohl die Menschen hinsichtlich eines Arbeitsplatzes sehr flexibel sind, dann ist immer noch der Müllberg da, der das Schlimmste, den Hungertod, verhindert.
Ein Eis- und Gebäckgeschäft
Víctor weiß, dass sein Nachbar Máximo Casco große Lust hat, eine Speiseeisherstellung zu beginnen. Er bot ihm seine Partnerschaft an, da für ihn die Herstellung und der Verkauf von Gebäck keinerlei Geheimnis birgt. Mittlerweile sind sie sich einig und wünschen nichts sehnlicher, als die Möglichkeit eines Geschäftes für Speiseeis und Gebäck, aber es fehlt am Anfangskapital.
Kleinkredite
Für derartige Kleinunternehmer, die mit Sicherheit erfolgreich innerhalb ihrer Möglichkeiten arbeiten würden, fehlen jedoch Einführungslehrgänge und Kleinkreditvergeber. Nationale Großunternehmen, Banken oder gar die Regierung, die leicht derartige Kleinkredite vergeben könnten, sperren sich. Die einzige Möglichkeit das gesteckte Ziel zu erreichen, ist die Gründung einer Nachbarschafts-Kommission zum Zwecke der Herstellung und des Verkaufs von Kleingebäck und Speiseeis. Victor ist ehrgeizig und denkt viel an dieses Projekt. Er will seine Kinder aus der Armutsspirale heraus reißen.
Vielen Menschen in seiner Situation resignieren. Der tägliche Überlebenskampf ist zu hart, um Träume zu gestatten.
Fakten
Die Mehrzahl der Familien, die am Fuße des Lambaré Berges, in unmittelbarer Nähe des Viertels Cerro Poty leben, ernähren sich durch die Wiederverwertung von Plastik, Papier und Dosen.
Ein Kilogramm Plastik bester Qualität hat einen Verkaufswert von 700 Guaranies (etwas mehr als 10 Eurocent).
Die Kontamination in diesem Gebiet, hervorgerufen durch den Müll, ist sehr hoch. Die Ufer des Lambaré Baches sind mit jeder Art von Müll übersät.
Die Müllverwerter geben an, dass sie diese Arbeit nur verrichten, da sie keinerlei andere Möglichkeiten für einen Gelderwerb sehen. Sie sind der Ansicht, dass sie sehr wohl über die entsprechenden Fähigkeiten verfügen, um andere Arbeiten verrichten zu können, wie zum Beispiel Herstellung und Verkauf von Gebäck und Speiseeis, Handarbeiten jeglicher Art, usw. Sie wissen, dass sie ihre Kinder einer hohen Gesundheitsgefährdung durch die Arbeit im Müll aussetzen, ziehen dies jedoch einem Abrutschen in die Kriminalität vor.
Und genau dort, im Lambaré-Viertel, wo so viele Menschen am untersten Rand des Existenzminimums leben und einen täglichen Kampf ums Überleben führen, befindet sich direkt am Ufer des mächtigen Rio Paraguay, der international bekannte Yacht- und Golfklub der Hauptstadt, wo die Reichen sich ein Stelldichein geben, um sich in edlem Luxus-Ambiente verwöhnen zu lassen.
Wohl dem, der in diesem Ausflugstempel eine Anstellung findet. Zum Gegenwert von nur einem Monatslohn könnte sich Victor den Traum der Geschäftseröffnung erfüllen. Aber ihm fehlen die wichtigen Verbindungen, um an einen derartigen Job heran zu kommen und außerdem, welcher Personalchef würde wohl einen Bewohner des „Müllviertels“ einstellen?











Schreiben Sie Ihre Meinung!