Körperbehinderte in Paraguay
“IPS, Guten Morgen, mein Name ist Mirta“. Diese sanfte Stimme verrät in keinster Weise die übermenschlichen Anstrengungen, die Mirta Leonor Ávalos, 39 Jahre alt, jeden Tag auf sich nimmt, um ihrer Arbeit nachgehen zu können.
Während ihres 4-Stündigen Arbeitstages konzentriert sie sich voll und ganz darauf, die Probleme ihrer Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung zu lösen.
Verlässt sie nach getaner Arbeit das Büro, sieht sie sich einer feindlichen Umgebung ausgesetzt. Nicht deshalb, weil sie die Problematik einer allein erziehenden Mutter von zwei Töchtern (7 und 12 Jahre) bewältigen muss, sondern wegen dem Umstand, dass die Architektur von Asunción, der Hauptstadt Paraguays, nicht im geringsten für Rollstuhlfahrer wie sie, geeignet ist.
Ein weiteres Problem sind die Stadtbusse, die rücksichtslos gegen die Zeit rasen und oftmals zum Ein-und Aussteigen der Passagiere nicht halten, sondern nur langsamer fahren, damit diese auf- oder abspringen können.
„Manchmal hält kein Bus für mich an“, erzählt sie. Ihre älteste Tochter hilft ihr Tag für Tag beim Ein- und Aussteigen der öffentlichen Verkehrsmittel. „Nicht nur ich muss leiden, auch meine Töchter sind betroffen“, fügt sie hinzu.
Aber Mirta nimmt unverdrossen die tägliche Qual in Kauf. Bereits zwei Stunden vor Arbeitsbeginn verlässt sie ihr Haus in Loma Pytã, um auch ja pünktlich im Boquerón Gebäude zu sein, wo sich ihre Arbeitsstelle befindet. Sie ist mehr als zufrieden, endlich eine Arbeit gefunden zu haben. Zählt sie doch zu den glücklichen 40 Körperbehinderten, denen die Sozialversicherung einen Arbeitsplatz in ihrem Call-Center verschaffte, wenn auch nur halbtags.
Gesetz nur auf dem Papier
Nach dem Gesetz müssen mindestens 2 % der Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst mit Beamten besetzt sein, die unter einer körperlichen Behinderung leiden. Dieses Gesetz wurde nun endlich, zumindest von einer Abteilung der Sozialversicherung, befolgt. Im Call-Center der Sozialversicherung beträgt der Anteil körperlich behinderter Arbeitnehmer 32 % und man hat sich auf diese Menschen eingestellt.
„Die Büros wurden Rollstuhl gerecht konzipiert. Sie verfügen über genügend Bewegungsraum, Rampen und anderen Sondereinrichtungen“, erklärt der Abteilungsleiter Pedro Ferreira.
“Hier wäre Platz für eine doppelte Anzahl an Beamten. Doch unsere Politik war von Anfang an dieses Büro für Menschen mit körperlichen Behinderungen zu nutzen und dementsprechend auszustatten“.
Zu den Aufgaben der Beamten des Call-Centers gehören die Terminabsprachen mit den Ärzten und Hospitälern, die der Sozialversicherung unterstehen. Außerdem stehen sie den Versicherten zur Verfügung, um sie per Telefon ausgiebig über ihren Status und ihre Rechte aufzuklären, Beschwerden und Anregungen entgegen zu nehmen oder auch Arzttermine zu vergeben.
„Dies ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie ein anfänglich kleiner Anfang große Resultate hervorbringen kann“, sagt Ferreira. Das Call Center wurde im Jahre 2004 mit nur zwei Telefonistinnen begonnen. Heute umfasst das Büro 160 Telefonistinnen, die in fünf Schichten rund um die Uhr arbeiten. Durch diese Einrichtung wurden die enormen Warteschlangen der Menschen reduziert, die sich nur einen Termin besorgen wollten und dafür bei Nacht und Nebel anreisen mussten, um nicht unverrichteter Dinge wieder den Heimweg antreten zu müssen.
Wählt man die Nummer 0800-11-5000 ist es sehr gut möglich, dass Mirta am anderen Ende der Leitung sitzt. „Für mich ist das alles sehr aufregend und ich kann es immer noch nicht glauben“, sagt sie.
Eine Kollegin, Alicia Fernández, 34 Jahre alt, bestätigt, dass durch das Call-Center vielen körperlich Behinderten zum ersten Mal die Gelegenheit geboten wurde, außerhalb ihres Hauses zu arbeiten. Sie erlitt im Alter von 9 Monaten Kinderlähmung und kann seither beide Beine nicht mehr bewegen. In der Universität besuchte sie Computer-Kurse, jedoch konnte sie bisher keine Arbeit finden. Immer, wenn sie sich zu einem Einstellungsgespräch vorstellte und ihr Gegenüber den Rollstuhl erblickte, hatte sie das Gefühl, dass ihre gesamte Ausbildung wertlos war.
„Sie drehten mir den Rücken und bemerkten es noch nicht einmal. Nun jedoch, haben sich Horizonte für mich geöffnet“, versichert sie.
Das Gesetz 2.479/04, welches vorschreibt, dass 2 % aller Arbeitnehmer der diversen Abteilungen in den öffentlichen Ämtern Beamte sein müssen, die unter einer körperlichen Behinderung leiden, wird ignoriert und keineswegs angewendet.
Einige Organismen, die mit körperlich Behinderten arbeiten, fördern derzeit die Modifizierung dieses Gesetzes. Sie fordern Sanktionen gegen Abgeordnete, was jedoch von der paraguayischen Föderation der körperlich Behinderten abgelehnt wird, da diese der Ansicht ist, dass sich dieses Vorgehen gegen die körperlich Behinderten richten könnte, anstatt hilfreich zu sein.
“Anstatt den Körperbehinderten zu helfen, würde dieses Vorgehen nur bewirken, dass gesetzliche Barrieren gegen die Arbeitsplätze für körperlich Behinderte errichtet würden”, erklärt José Maldonado von der paraguayischen Blinden-Vereinigung. Eine Messung des Grades der Behinderung einer Person durch ein staatliches Organ „ist extrem diskriminierend und absurd. Dies ist eine Sache, die der Arbeitgeber zu entscheiden hat“, sagt er.
In Paraguay existieren inoffiziell 600.000 körperlich behinderte Menschen. Es wird geschätzt, dass 10 % der Weltbevölkerung Träger irgend einer Art von körperlicher Behinderung ist. In Paraguay wurde die genaue Anzahl dieser Menschen niemals festgestellt. Erfasst sind nur 51.146 Behinderte. Die Arbeitslosenrate innerhalb dieser Gruppierung beläuft sich auf 81,4 %.











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